Tuesday, 28 January 2020

„Terrain Vague“ – ein Gespräch zwischen Barbara Buchmaier und Miriam Jung über das Fotografieren und Publizieren

Stand Miriam Jung Friends with Books 2019

Barbara Buchmaier: Liebe Miriam, ich kenne Deine Fotografien vor allem aus Deinen Publikationen, wie Du sie seit einigen Jahren regelmäßig auf Berliner Kunstbuchmessen zeigst. Was war für Dich generell das entscheidende Moment oder der Auslöser, um selbst zu publizieren, um eigene Fotografien in Heft- bzw. Buchform zu zeigen? Gab es bestimmte Vorbilder oder eine bestimmte Beobachtung, die Dich dazu inspiriert hat – 2012 hast Du ja damit angefangen. 

Miriam Jung: Nachdem ich die Kamera einige Jahre verbannt hatte, begann ich 2010 wieder zu fotografieren und habe erst mal mit Inhalten und Formaten experimentiert. Ich hatte angefangen, mit männlichen Modellen zu arbeiten und ging auch in die Dunkelkammer, aber konnte mir nicht vorstellen, die Abzüge in einer Ausstellung zu präsentieren – also mit der Wand als Ausstellungsfläche zu arbeiten. So kam ich ohne konkrete  Vorbilder zum Buchformat, das mir die Möglichkeit gab, die Intimität des Ateliers in den Buchraum zu übertragen.

BB: Wie bezeichnest Du Deine Publikationen? „Künstlerbücher“ (artists’ books)? Oder benutzt Du auch andere Wörter dafür?

MJ: Ich benutze all diese Wörter: Publikation, artist’s book, Künstlerbuch, Edition. Meistens sage ich jetzt einfach nur Buch oder „meine Arbeit“. Einzig das Wort „Katalog“ benutze ich nicht, denn darum handelt es sich eben ganz klar nicht.

BB: In welcher Relation stehen die Fotografien, wie man sie in den Publikationen sieht, zu den physischen (Baryt-)Abzügen, die es ja oftmals auch davon gibt?

MJ: Die Barytabzüge interessieren mich erst mal als Einzelbild. Sie bieten einen Bildraum mit tiefen Schwärzen und Gradationen der Körnung, der beim Druck (insbesondere, wenn man auf die Kosten achten muss) verloren gehen kann. Dagegen kann ich im Buchformat das große illusionistische Potenzial des Fotos für eine ganz neue Erzählung nutzen, was mir extrem viel Spaß macht!

BB: Das Buch als alternative Form der Ausstellung – Exposition – funktioniert ja unter ganz anderen Bedingungen als ein dreidimensionaler Ausstellungsraum. Das Buch-Machen ist ein ganz anderer Modus des (Sich-selbst-)Präsentierens und -Kuratierens, des Bereitstellens der Bilder für die Betrachter/innen. Was interessiert Dich daran?

MJ: Alle Prozesse der Produktion, Publikation, Distribution und Vermarktung eines Buches übernehme ich erst mal selbst. Diese Arbeitsbedingungen sind prekär, aber sie bieten ein hohes Maß an Autonomie und künstlerischer Freiheit. Alle Formate, die ich verbinde (Buch, Fotografie und Druck), sind mit Konventionen belegt, die ich berücksichtigen oder erweitern kann. Vieles dreht sich bei mir um „Raum“, den ich mir eröffne, nehme oder zur Verfügung stelle. Das Buch ist insofern meine Ausstellung (und nicht der Katalog zur Ausstellung), die ich den Betrachter/innen mit nach Hause geben kann.

BB: Zu Deiner Vorgehensweise: Entstehen Deine Ideen für Fotografien und diese selbst denn immer schon für eine bestimmtes imaginiertes Buch- oder Ausstellungsformat – oder erst mal davon unabhängig?

MJ: Am Anfang stehen das Fotografieren mit der Kamera (analoge Spiegelreflex oder Handy) und die Suche nach einem Bild. Dieses Bild übernehme ich in der Regel vollständig und arbeite kaum mit Bildausschnitten. Das Bild entsteht erst mal als Einzelbild, an dem mich etwas interessiert, das zum Zeitpunkt der Aufnahme vielleicht etwas ganz anderes ist als später, wenn ich es auswähle und für ein Buch oder einen Papierabzug verwende.

BB: Dein fotografischer Ansatz scheint mir immer auch eine Art der (im Ansatz vielleicht romantischen oder auch ethnografischen) „Selbsterkundung“ zu beinhalten. Als würdest Du dir Fragen stellen wie: Wie weit kann ich gehen, wer bin ich, wenn ich selbst die Kamera in der Hand habe? Was traue ich mich, wie weit lassen andere das zu? Dies frage ich vor allem in Hinsicht auf Deine Publikationen wie Looking At (2016), in denen Du SW-Fotografien von nackten Männern zeigst ... Wie überhaupt kam die Annäherung an das andere Geschlecht zustande? Und wie hast Du sie umgesetzt, auch technisch ...? 

Cover von Looking At (2016)
MJ: Ich hatte angefangen, mich für männlichen Akt zu interessieren – was er kulturell repräsentiert und vor allem, wie er auf mich wirkt – und hatte dabei verstärkt das Gefühl, dass diese Darstellungen nicht für mich, für mein Empfinden oder meinen Blick geschaffen wurden. Innerhalb der Kunstgeschichte ist dabei auffällig, wie sehr der Penis tabuisiert und vom Phallus ersetzt wurde. Außerhalb der Kunst, in den Bildwelten von Kino, Pop, Werbung und auch in schwul kontextualisierten Magazinen hatte ich denselben Eindruck gewonnen. Ich bin also mit einem großen Fragezeichen ins Atelier gegangen: Wie entsteht ein Bild für mich, eines, das mich anspricht und meinem Blick entspricht?
Ich arbeite mit Männern zusammen, die sich im wahrsten Sinne sehr wohl in ihrer Haut fühlen und diese gerne zeigen. Ich schaffe im Atelier einen Raum für einen Dialog zwischen dem Modell und mir (keine Assistenten, natürliches Licht), bei dem sich das Modell nackt und üblicherweise tiefenentspannt meinem Blick zur Verfügung stellt und ich mich, bekleidet und hinter der Kamera, suchend vorantaste. Ich arbeite mit 50mm Festbrennweite, die nur einen geringen Schärfebereich bietet. Die Fotosession ist ein Gespräch, aber auch ein sehr physischer Akt. Nichts an dieser Konstellation erscheint mir bislang als „normal“ und ich bemerke meine eigenen Konditionierungen und Grenzen. Ich empfinde es als eine sehr machtvolle Position, „eines Menschen Bild zu nehmen“ und frage mich immer, wieweit ich gehen kann.



Innenseiten von Looking At (2016)

BB: Wie waren die Reaktionen auf diese Publikationen? Zum Beispiel, als Du sie an Deinem Tisch auf der Friends with Books gezeigt hast? Welche Fragen kamen da?

MJ: Fast alle Bemerkungen bezeugen eine große Intimität und Sensibilität der Fotos. Nicht selten kommt dann die Frage, ob ich mit den Modellen Sex habe oder woher oder ob ich sie näher kenne. Manche Männer äußern sich spöttisch, selbst Künstlerinnen und Künstler aus meinem Bekanntenkreis fragen auch schon mal, wie mein Partner das wohl so alles findet. Frauen freuen sich, dass die Fotos von einer Frau gemacht wurden, hin und wieder sind es Künstlerinnen, die selbst mit männlichen Modellen arbeiten.

BB: In Deiner 2019 auf der Friends with Books präsentierten Publikation sieht man wieder SW-Fotografien. Diesmal hast Du dich selbst als Spiegelung im Bildschirm fotografiert, der jeweils Standbilder von amerikanischen Kino-Produktionen wie American Gigolo (1980), American Psycho (2000) oder auch der TV-Serie Sense8 (2015–2018) zeigt. Oft verschwimmen dabei Teile Deines Körpers oder Deines Umraums mit dem des männlichen Protagonisten bzw. dem Filmset. Wie kam dieses Konzept zustande und was sagt Du den Betrachter/innen und dir selbst mit dem Titel the aesthetics of narcissism (2018), den Du von dem gleichnamigen Aufsatz der amerikanischen Kunsttheoretikerin Rosalind Krauss (veröffentlicht 1976 in der US-Zeitschrift October) übernimmst?

 
Innenseiten von the aesthetics of narcissism (2018)  
MJ: Wie meistens kamen auch hier verschiedene Einzelteile zu einem neuen Ganzen zusammen. Die Fotos gehören zur Reihe Man In My Mirror (2018), die ich auch schon als gerahmte Barytabzüge gezeigt habe. Den Titel von Rosalind Krauss habe ich mir humorvoll angeeignet. In ihrem Artikel kritisiert sie, sehr verkürzt dargestellt, Positionen wie beispielsweise die von Vito Acconci, die mit Video-Feedback arbeiten und eine Gleichzeitigkeit von Aufnahme (des Künstlers) und reproduziertem (Selbst-)Bild herstellen als geschichts-vergessen und narzisstisch, gefangen im Loop. Sie wirft ihnen vor, das neue Medium nicht wegweisend sondern althergebracht (ebenso narzisstisch wie Malerei) zu verwenden. Ich jedoch betrachte den Blick in den Spiegel, der in meinem Fall ein Computerbildschirm ist, als eine adäquate und zeitgemäße Befragung von Welt, und die Vieldeutigkeit, die in den Überlagerungen von Zeit- und Raumebenen entstehen, als großartigen visuellen Schatz. Das Buch, in dem auch ein Screenshot, Handyfotos und Fotos von Fotos aus der Dunkelkammer zu sehen sind, ist für mich daher auch ein „Selbstportrait als Fotokünstlerin“ – aber das ist nur eine Lesart von vielen.

BB: In Hommage à L’Interrogation (2015) hast Du Deinen Fotos zum ersten Mal direkt Text zugeordnet. Bis auf die Impressen und Deinen eigenen Text in Wanderlust (2014), der, wie die Fotos, im Kontext einer Kanada-Reise entstanden ist, sind Deine Publikationen ja sonst bisher immer reine „Bilderbücher“. Für Hommage à L’Interrogation hast Du eigene Handyfotos von gebrauchten, auf die Straße entsorgten Matratzen (und die oft daraus entstehenden Stillleben) aus dem Berliner Stadtraum mit einer abgewandelten Textarbeit von Lea Lublin (1929–1999) aus dem Jahr 1978 kombiniert. Anders als Lublin, die mit 25 Fragen eine “L’interrogation de la femme” betreibt, hinterfragst Du den Mann. Wie kam es dazu? Und wie gehst Du bei der grafischen Umsetzung vor?


Innenseiten von Hommage à L'Interrrogation (2015)


MJ: Lea Lublin hat damals mit allen möglichen „Befragungen“ gearbeitet und ich fand ihr Stilmittel, sehr komplexe Themen mit Ja-oder-Nein-Fragen zu untersuchen, bestechend gut und zeitlos aktuell. Es ist eine Falle, in die man bereitwillig hineintappt, um dann zu bemerken, welcher Sprengstoff in der Frage steckt: Ist der Mann ein soziales Opfer? Ja! Nein! Ich wollte das Layout einer Zeitungsbeilage wie dem SZ Magazin aufgreifen und die Verbindung zwischen Überschriften und Fotos übernehmen, die beim Blättern sofort hergestellt wird. So wird die Matratze im Bild unwillkürlich zum „Mann“ und spielt mit den erwartbaren Assoziationen. Die Auswahl der Schrifttype fand ich sehr schwierig, weil in ihr die ganze lange Geschichte des (Zeitungs-)Drucks mitschwingt. Während ich üblicherweise allein an der Gestaltung arbeite, war es hier die Grafikdesignerin Lisa Pommerencke, die Layout und Schrift übernommen hat.

BB: In Deinem aktuellen Projekt, das Du mir als Entwurf am Rechner gezeigt hast, sind SW-Fotografien verschneiter Straßen und Stadtlandschaften zu sehen, die Du mit einem Zeitungstext über ein Verbrechen und die Suche nach dem oder der Täter/in verknüpfen willst ...?

MJ: Der Arbeitstitel des Buches lautet offene Enden. Der reißerisch geschriebene Text erzählt von einer jungen Frau, die wortlos ihre Familie und ihr Umfeld verlässt und nach Jahrzehnten durch einen Zufall wiederentdeckt wird. Den Text kombiniere ich mit Fotos (Doppelbelichtungen, teilweise Selbstportraits), fotografiert in einer Zeit, in der ich im selben Alter war und in derselben Region in Deutschland gelebt habe wie die beschriebene Person.

BB: Du erwähntest die französische Autorin Annie Ernaux (* 1940), die sich als „Ethnologin ihrer selbst“ bezeichnet und in den letzten Jahren unter anderem mit Die Jahre (2017; franz. Original: Les années, 2008) als „autofiktive Autorin“ endlich auch in Deutschland sehr viel Aufmerksamkeit bekommen hat. Auf welcher Ebene fühlst Du dich ihr verbunden?

MJ: In Die Jahre erstellt Ernaux Bildbeschreibungen von Fotografien, auf denen sie selbst abgebildet ist, und setzt sich von einem „Ich heute“ ins Verhältnis zu dem abgebildeten „Ich damals“. Die Fotos dazu erscheinen aber nicht als „Beleg“ im Buch und es ist unklar, ob es sie tatsächlich gibt. In offene Enden zeige ich Fotos, die den Bericht über eine wahre Begebenheit untermauern und verstärken. Es wird jedoch wohl nie ganz geklärt werden, was ich mit der Sache zu tun habe ... Als „autofiktive Autorin“ würde ich mich auch selbst bezeichnen.

BB: Soweit ich verstanden habe, soll diese Publikation aufwendiger gestaltet werden als die bisherigen ... Wie planst Du, dies umzusetzen? Hast Du eventuell vor, an Verlage heranzutreten?

MJ: Ich denke seit diesem Jahr erstmals darüber nach, mit einem Verlag zusammenzuarbeiten und bin bei der Friends with Books mit einigen Verleger/innen ins Gespräch gekommen, deren Programm ich für mich passend finde. Gleich welcher Verlag, würde dies allerdings nur mit einer Förderung gehen, die dann eine umfangreichere Produktion, Auflage und ein neues Distributionssystem ermöglicht. Ich möchte mich konkreter umschauen, wenn ich in Kürze den ersten Dummy fertig habe!

BB: Vielen Dank für unser Gespräch. Ich bin gespannt, in welches „Terrain Vague“ Du mit Deiner Arbeit noch vordringen wirst. Viel Erfolg auch bei der Zusammenarbeit mit einem Art-Book-Verlag.


Berlin, 10.01.2020
(Verschriftlichung eines Gesprächs aus dem November 2019)



Barbara Buchmaier, * 1975, ist Kunstkritikerin und Autorin und lebt in Berlin.

Miriam Jung, * 1976, ist Künstlerin und lebt in Berlin.

Alle Fotos: © Miriam Jung

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